Projektbesuch

Projektbesuch im November 2013

Ein Bericht von Gerda und Hartmut G.

Im Februar 2012 waren wir das erste Mal in Myanmar. Als ganz normale Touristen haben wir das weitgehend noch unberührte Land besucht, seine Sehenswürdigkeiten bestaunt und die schönen Landschaften bewundert. Am meisten beeindruckt und teilweise verwirrt hat uns die Fröhlichkeit, die Offenheit und das Lächeln der Menschen, denn Myanmar gehört zu den ärmsten Ländern der Erde.

Wir entschlossen uns, über den „Förderverein Kinderhilfe Birma e.V.“ und die Möglichkeit der Kinderpatenschaften unseren kleinen Beitrag zu leisten, den Menschen zu helfen. Gleichzeitig entschlossen wir uns, uns das geförderte Hilfsprojekt in Yenangyaung im Folgejahr persönlich anzusehen.

1 ½ Jahre später, im November 2013 geht es dann noch einmal auf die Reise. In Yangon ist direkt zu spüren, dass die vorsichtige Öffnung des Landes die ersten Folgen zeigt, die Stadt ist überschwemmt mit neuen japanischen Autos und erstickt in Abgasen. Riesige Reklameschilder von Samsung und Apple locken zum Kauf der neuesten Flachbildschirme und Smartphones. Die ersten Geldautomaten sind zu sehen, ob sie wirklich funktionieren, probieren wir vorsichtshalber nicht aus. Die internationalen Konzerne haben die ersten Pflöcke eingeschlagen und wittern wohl eine große Chance.

Von Bagan aus hat uns Eric Trutwein ein Taxi nach Yenangyaung organisiert. Die Fahrt dauert etwa zwei Stunden, die Straßen sind verhältnismäßig gut.
Im „Lei Thar Gone Guesthouse“ werden wir herzlich begrüßt. Die wunderschöne Anlage übertrifft unsere Erwartungen. Auf einem Hügel, hoch über dem Ayeyarwady River, sind inmitten von viel Grün, die einzelnen Bungalows und Häuser verteilt.
Sowohl von den Unterkünften, als auch von der Terasse, auf der wir unsere gemeinsamen Mahlzeiten einnehmen, hat man einen beeindruckenden Blick auf das Flusstal und die umliegenden Dörfer. Jeden Abend können wir einen spektakulären Sonnenuntergang bestaunen. Die anderen Gäste, Schweizer, Franzosen und Deutsche sind entweder als Besucher hier oder, um die Arbeit im Guesthouse oder in der angegliederten Schule zu unterstützen. Es ist eine schöne Gemeinschaft, das Essen ist lecker, das Personal liebenswert und bemüht seine geringen Englischkenntnisse anzuwenden und zu erweitern.

Vom Guesthouse kann man zu Fuß die Stadt Yenangyaung erreichen. Der Ort – zumindest der Teil, den wir gesehen haben – hat nicht viel zu bieten, ein paar Geschäfte und Restaurants, ein Internetcafé. Aber für uns ist es interessant, einmal eine Stadt zu sehen, die abseits der Tourismusregionen liegt.

Rund um den Hügel von „Lei Thar Gone“ schmiegen sich einige kleine Dörfer, Kinder kommen neugierig angerannt aber auch die Erwachsenen freuen sich, ein kleines Schwätzchen halten zu können – soweit das mit ein paar Brocken Englisch und Händen und Füßen möglich ist.

Unterhalb des Guesthouses liegt die „Light of Love Highschool“. Auf dem Schulhof sind wir schnell umringt von vielen fröhlichen Kindern. Es ist schön, an einem normalen Unterricht teilnehmen zu können. Ich habe früher viel Unterricht gegeben, aber noch nie Schüler erlebt, die so diszipliniert, dabei aber fröhlich und offensichtlich „lernhungrig“ sind – der Traum eines jeden deutschen Pädagogen.

Am 23.11.2013 ist ein Tag der Offenen Tür, für diesen Tag muss noch einiges vorbereitet werden, den Schulhof von Unkraut befreien, eine Bühne aufbauen und noch einmal die Lieder und Tänze üben, die sie vorführen möchten. Sie sind alle mit viel Begeisterung und Engagement dabei.

Für die 90 Kinder, die zur Zeit die Schule besuchen, ist der Unterricht kostenlos. Eric hofft, durch den „Open Day“ auch einige Eltern und Kinder für die Schule begeistern zu können, die in der Lage wären, Schulgeld zu bezahlen.

Dann ist er da, der „Open Day“, die ersten Gäste treffen ein, besichtigen die Schule und schauen sich die Vorführungen der Kinder an. Es ist eine schöne Stimmung, die Kinder und die Besucher haben viel Spaß, aber ob das Ziel der Veranstaltung erreicht wird, wird sich erst später zeigen. Wir drücken die Daumen.

Uns fällt auf, wie friedlich die Kinder miteinander umgehen, ohne Geschrei und Gezanke, offensichtlich ohne Neid und Aggressionen und uns bewegt, wie viel Körperkontakt sie suchen und wohl auch brauchen.

Wir freuen uns, unsere Patenkinder zu treffen. Yee Wai Yan ist 7 Jahre alt, sein Vater ist 2011 an einer „normalen Krankheit“ im Alter von 49 Jahren gestorben. Es fehlte das Geld für eine ärztliche Behandlung.
Wir lernen Yee Wai Yan auf dem Schulhof kennen. Eric stellt uns vor. Der Kleine ist anfangs total verschüchtert, aber wie er da so steht, rotznäsig und mit der alterstypischen Zahnlücke hat er unser Herz sofort erobert. Am nächsten Tag fährt uns Eric zu ihm nach Hause. Der Weg ist recht lang, so dass ein Schulbesuch ohne den vorhandenen Schulbus nicht möglich wäre. Wir legen einige Zwischenstopps ein, bei Familien, die von Eric unterstützt werden. Von den Kindern wird er überall jubelnd mit „Papa“ begrüßt. Uns begegnet eine für uns unvorstellbare Armut, aber auch eine Fröhlichkeit und ein bezauberndes Lächeln der Menschen. Das letzte Stück zu Yee Wai Yan’s Zuhause muss zu Fuß zurückgelegt werden. Wir lernen seine Mutter kennen. Neben ihren drei Kindern zieht sie noch einen verwaisten Neffen groß. Wir können uns nicht unterhalten, aber verstehen uns sofort, auch ohne Worte…

Eine Woche waren wir in Yenangyaung, sind danach noch ein wenig durchs Land gereist, aber dieser Besuch war der absolute Höhepunkt. Er hat uns in vieler Hinsicht sehr nachdenklich gemacht und unser Wertesystem sehr in Frage gestellt.

Wir kommen wieder, denn wir sind sicher, dass hier das Geld ankommt und es dringend gebraucht wird.